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9.4.2026
Dissertation zu inferenzbasiertem Verstehen verteidigt
Was passiert, wenn in einer Geschichte ein entscheidendes Ereignis fehlt? Menschen erschließen Zusammenhänge häufig nicht nur aus dem, was ausdrücklich gesagt oder gezeigt wird, sondern ergänzen fehlende Informationen eigenständig. Mit dieser Fähigkeit zum inferenzbasierten Verstehen beschäftigte sich Ekaterina Varkentin in ihrer Dissertation, die sie im März am IWM erfolgreich verteidigt hat.
Die ehemalige Doktorandin der Arbeitsgruppe Wahrnehmung und Handlung untersuchte, wie Menschen Lücken in kurzen Erzählungen schließen – und welche Rolle dabei Alter und akuter Stress spielen. „Vor dem Hintergrund einer immer älter werdenden Gesellschaft und gleichzeitig wachsendem Stressempfinden vieler Menschen wollte ich herausfinden, welche Rolle diese beiden Faktoren für unsere Kompetenz haben, Geschichten zu verstehen“, erläutert Varkentin.
Die Dissertation umfasst drei empirische Studien, in denen Varkentin verschiedene Einflussfaktoren auf inferenzbasiertes Verstehen systematisch analysierte. Eine Studie fokussierte ältere Erwachsene und bezog dabei auch medizinische und gesundheitliche Variablen ein. Zwei weitere Studien untersuchten, wie sich akuter Stress auf Menschen verschiedener Altersgruppen auswirkt.
Alle Untersuchungen nutzten das sogenannte Bridging-Inference-Paradigma. Dabei sehen Teilnehmende den Anfang und das Ende einer kurzen Geschichte, während das verbindende Ereignis fehlt. Anschließend entscheiden sie entweder, ob eine vorgegebene Schlussfolgerung zu dem Verlauf der Geschichte passt, oder sie formulieren die fehlende Passage selbst.
Die Ergebnisse deuten auf eine bemerkenswerte Stabilität hin: Inferenzbasiertes Verstehen und die Fähigkeit, fehlende Informationen kreativ zu ergänzen, bleiben über die Lebensspanne hinweg weitgehend erhalten. Unterschiede zeigten sich vor allem im Umgang mit Stress: Jüngere Erwachsene hatten unter Stress größere Schwierigkeiten, passende Schlussfolgerungen wiederzuerkennen, während ältere Erwachsene davon weniger beeinträchtigt waren.
Mit ihrer Grundlagenforschung liefert Ekaterina Varkentin wichtige Impulse für das Verständnis von Kommunikation, Lernen und gesellschaftlicher Teilhabe – etwa in Bildungs- und Gesundheitskontexten sowie in der intergenerationalen Kommunikation.